Frauen-Europameisterschaft in Göteborg Plötzlich bei einer EM – das war surreal

Jennifer Hesse bei der Volleyball-Europameisterschaft der Frauen 2026 in Götebor
Jennifer Hesse bei der Volleyball-Europameisterschaft der Frauen 2026 in Göteborg Bild: Robert Boman

Jennifer Hesse hatte nicht damit gerechnet, für die Frauen-Europameisterschaft nominiert zu werden. Im Gespräch mit HVV-Schiedsrichterwart Christian Bauer erzählt sie von ihrem ersten EM-Einsatz, besondere Spiele, den Druck auf internationalem Niveau und ihren Traum von der Champions League.

Von den ersten Einsätzen in Hessen bis auf den Schiedsrichterstuhl bei einer Europameisterschaft: Für Jenny ging mit der EM-Nominierung ein besonderer Traum in Erfüllung. Erfahrt aus ihren Antworten, was die EM in Göteburg von Bundesliga-Spielen unterscheidet, wie sie mit schwierigen Situationen umgeht und welche Ziele sie sich für ihre weitere Laufbahn gesetzt hat.

Jenny, wann hast du erfahren, dass du für die erste Runde der Frauen-Europameisterschaft nominiert bist – und was ging dir in diesem Moment durch den Kopf?

Ich habe die Mail zur Nominierung am 23.04. erhalten. Das war ein völlig unerwarteter Moment. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet und habe mich natürlich riesig gefreut. Gleichzeitig war es auch ein wenig surreal, plötzlich zu realisieren, dass ich tatsächlich bei einer Europameisterschaft dabei sein würde.

Wann hast du während des Turniers zum ersten Mal wirklich realisiert: „Ich bin jetzt tatsächlich bei einer Europameisterschaft“?

Direkt bei meinem ersten Spiel. Ich habe Kroatien gegen Italien als 2. Schiedsrichterin gepfiffen und konnte das Grinsen kaum aus dem Gesicht bekommen. Schließlich stand mit Italien der amtierende Olympiasieger und Weltmeister auf dem Feld. In diesem Moment wurde mir bewusst: Jetzt bin ich tatsächlich Teil einer Europameisterschaft.

Mit welchen Erwartungen bist du in das Turnier gegangen – und wie stark war die Anspannung vor deinem ersten Einsatz?

Mein Ziel war es vor allem, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Schließlich bekommt man nicht oft die Gelegenheit, Spiele auf diesem Niveau zu leiten. Die Aufregung vor dem ersten Spiel war entsprechend groß. Aber auch vor meinem zweiten Einsatz war ich sehr angespannt, denn dort kam zusätzliche Technik zum Einsatz. Mit dem System „Bolt 6“ wurden knappe Bälle automatisch als „In“, „Out“ oder „Outside Antenna“ angezeigt. Außerdem mussten wir bei sogenannten Mid-Rally-Challenges ein Public Announcement für die Zuschauer in der Halle machen. Das war viel Neues auf einmal und erforderte zusätzliche Konzentration.

Wie sieht ein typischer Turniertag für eine Schiedsrichterin bei einer Europameisterschaft aus?

Zu Beginn des Turniers sah der Ablauf etwas anders aus als an den späteren Tagen. Am ersten Spieltag fuhren alle Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter bereits zwei Stunden vor dem ersten Spiel in die Halle. Dort wurden noch einmal das Spielfeld, die Technik und die Bälle kontrolliert. Allein die Organisation von 20 Spielbällen pro Partie sorgt schon für einiges an Arbeit.

An diesem Tag waren wir bei allen drei Spielen von etwa 11 Uhr bis 21:30 Uhr in der Halle. Danach wurde es etwas flexibler. Wer nur einen Einsatz hatte, konnte erst später kommen oder früher gehen. An einigen Tagen waren wir jedoch sowohl als 2. als auch als 3. Schiedsrichterin beziehungsweise Schiedsrichter eingeteilt und entsprechend länger vor Ort.

Die Vormittage konnte jeder individuell gestalten. Einige arbeiteten im Hotel, andere nutzten das Fitnessstudio oder gingen spazieren. Jeder hatte seine eigene Routine, um den Kopf frei zu bekommen. An einem freien Vormittag haben wir gemeinsam eine kleine Sightseeing-Tour durch Göteborg gemacht. Nach dem letzten Spiel gab es immer ein gemeinsames Abendessen. Je nach Spielverlauf konnte das auch einmal erst um 22:30 Uhr stattfinden.

Was unterscheidet ein EM-Spiel aus Schiedsrichtersicht am stärksten von einem Bundesliga- oder Europapokalspiel?

Zu Beginn der Poolphase kennt man die Teams und die Trainerstäbe meist nur oberflächlich. Vielleicht hat man einzelne Spielerinnen schon einmal in der Bundesliga oder im Europapokal gesehen, aber grundsätzlich ist zunächst alles neu.

Auch das Matchprotokoll unterscheidet sich etwas, da vor jedem Spiel die Nationalhymnen gespielt werden. Darüber hinaus ist das spielerische Niveau natürlich besonders hoch, denn hier stehen die besten Spielerinnen ihrer jeweiligen Nationen auf dem Feld. Mit jedem Turniertag wurde die Atmosphäre zudem emotionaler, weil es zunehmend um das Weiterkommen im Wettbewerb ging.

Wie sehr unterscheiden sich Spieltempo, Intensität und Druck auf diesem Niveau von dem, was du aus der Bundesliga kennst?

Das Spieltempo war je nach Begegnung durchaus unterschiedlich. Besonders in meinem Einsatz bei Frankreich gegen Italien war das Niveau außergewöhnlich hoch und das Spiel sehr schnell. Auf diesem Niveau werden deutlich weniger Fehler gemacht, viele Aktionen laufen extrem präzise ab und Ballwechsel entwickeln sich innerhalb von Sekundenbruchteilen. Das verlangt als Schiedsrichterin eine dauerhaft hohe Konzentration und schnelle Entscheidungen.

Du warst sowohl als erste als auch als zweite Schiedsrichterin im Einsatz. Wie unterschiedlich erlebst du diese beiden Rollen bei einem internationalen Turnier?

Und auch als dritte Schiedsrichterin. Durch das veränderte Courtlayout bei diesem Turnier steht man als 2. Schiedsrichterin deutlich weiter vom eigentlichen Geschehen entfernt als gewohnt. Nach jeder Rally muss man sehr konzentriert bleiben und beispielsweise die Trainer beobachten, um Anträge auf Auszeiten oder Wechsel rechtzeitig wahrzunehmen. Dabei ist man auf eine enge Zusammenarbeit mit der 1. und 3. Schiedsrichterin beziehungsweise dem Schiedsrichter angewiesen.

Als 1. Schiedsrichterin trägt man die Gesamtverantwortung für das Spiel. Gleichzeitig befindet man sich näher am Trainerbereich und hat dadurch deutlich mehr Interaktion mit den Trainern.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in einem internationalen Schiedsrichterteam, wenn man mit Kollegen aus unterschiedlichen Ländern und Schiedsrichterkulturen zusammenarbeitet?

Das funktioniert erstaunlich unkompliziert. Vor jedem Spiel bespricht man, wie man zusammenarbeiten möchte, welche Erwartungen man an Kommunikation und Unterstützung hat und worauf besonderer Wert gelegt wird. Der einzige Unterschied ist eigentlich die Sprache, denn diese Absprachen finden auf Englisch statt. Die grundlegenden Schiedsrichtertechniken und Abläufe sind jedoch überall dieselben.

Gab es bei dieser Europameisterschaft einen Moment oder ein Spiel, das dir besonders in Erinnerung bleiben wird?

Auf jeden Fall die Spiele der schwedischen Nationalmannschaft. Die Halle war dort immer sehr gut gefüllt und die Stimmung entsprechend laut und emotional. Es war eine großartige Atmosphäre.

Aus sportlicher Sicht war Frankreich gegen Italien für mich das beeindruckendste Spiel des Turniers. Es gab viele lange Ballwechsel, hohes spielerisches Niveau und insgesamt sehr attraktiven Volleyball.

Gab es auch eine Situation, die für dich besonders schwierig war – und wie bist du damit umgegangen?

Nach dem Spiel Schweden gegen Kroatien war ich mit meiner eigenen Leistung nicht ganz zufrieden. Es war ein Fünf-Satz-Spiel mit mehreren knappen Situationen, die viel Konzentration erfordert haben.

In solchen Momenten sind gute Gespräche besonders wichtig. Ich habe Kontakt zu Freunden aus Hessen aufgenommen, die das Spiel verfolgt hatten. Sie konnten mir direkt Feedback geben und haben mich viel besser eingeordnet, als ich es selbst unmittelbar nach dem Spiel konnte. Auch mein Mann und eine italienische Schiedsrichterkollegin waren jederzeit erreichbar, haben sich meine Gedanken angehört und mich wieder aufgebaut.

Wie intensiv werden die Schiedsrichter bei einer Europameisterschaft beobachtet und bewertet, und welches Feedback bekommst du nach deinen Spielen?

Die Beobachtung und Bewertung erfolgen sehr intensiv. Vor Ort hatten wir einen Referee Coach, der jedes Spiel analysiert hat. Direkt nach dem Spiel gab es eine Rückmeldung und am Ende des Turniers noch einmal ein ausführliches Gesamtfeedback zur Entwicklung während der Veranstaltung.

Zusätzlich wird zu jedem Spiel ein Evaluationsbogen erstellt. Auch der Präsident der europäischen Schiedsrichterkommission hat zahlreiche Partien beobachtet und seine Einschätzungen an den Referee Coach weitergegeben.

Hast du bei diesem Turnier etwas Neues über dein eigenes Pfeifen gelernt oder einen Punkt entdeckt, an dem du dich noch weiterentwickeln möchtest?

Ein Aspekt, der sowohl mir selbst als auch dem Coach aufgefallen ist, ist meine ruhige Ausstrahlung. Es ist mir gelungen, während des gesamten Turniers meinen Rhythmus beizubehalten und auch in anspruchsvollen Situationen ruhig zu bleiben.
Weiterentwickeln möchte ich mich insbesondere im Bereich der technischen Beurteilung. Gerade die aktuelle Auslegung der Regel zu „Catch-Throw-Carry“ möchte ich künftig noch konsistenter anwenden.

Wenn du heute an deine ersten Schiedsrichtereinsätze in Hessen zurückdenkst: Hättest du dir damals vorstellen können, irgendwann bei einer Europameisterschaft auf dem Schiedsrichterstuhl zu sitzen?

Nein, niemals. Selbst im Frühjahr 2019 hätte ich nicht daran gedacht, einmal internationale Schiedsrichterin zu werden. Deshalb empfinde ich es als große Ehre und als etwas ganz Besonderes, Teil einer Europameisterschaft gewesen zu sein.

Was würdest du einem jungen Schiedsrichter oder einer jungen Schiedsrichterin aus Hessen sagen, die selbst einmal den Weg in die Bundesliga oder sogar auf die internationale Ebene schaffen möchten?

Niemals aufgeben und immer weitermachen. Es wird gute und weniger gute Spiele geben, aber aus jeder Erfahrung kann man etwas lernen.

Fahrt mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu Spielen, schaut ihnen zu und tauscht euch mit ihnen aus. Nutzt jede Gelegenheit, Feedback zu bekommen, und scheut euch nicht, Fragen zu stellen. Vor allem aber: Habt Spaß an dem, was ihr tut. Die Freude am Schiedsrichtern ist am Ende die wichtigste Grundlage für die eigene Entwicklung.

Nach diesem EM-Einsatz: Was ist für dich persönlich der nächste große Schritt oder das nächste Ziel auf deiner Schiedsrichterlaufbahn?

Zunächst steht jetzt der Start in die neue Bundesliga-Saison vor der Tür. Dort möchte ich vor allem das Mentoring-Programm, das wir im vergangenen Jahr initiiert haben, weiter vorantreiben und junge Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter bei ihrer Entwicklung unterstützen.

Außerdem freue ich mich auf die kommenden nationalen und internationalen Einsätze. Natürlich hat die Europameisterschaft auch neue Motivation geweckt. Ein großes persönliches Ziel ist es, irgendwann Spiele in der Champions League zu leiten. Das ist ein Traum, für den ich weiterhin hart arbeiten werde. Gleichzeitig weiß ich, dass man sich solche Möglichkeiten mit konstant guten Leistungen Schritt für Schritt erarbeiten muss.

Hessischer Volleyballverband
Verantwortlich für diesen Inhalt: Hessischer Volleyballverband e.V.


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