Praxisworkshop Sport im ländlichen Raum Als Verein ruhig auch mal "groß denken"
Der Workshop, der unter der Überschrift „Zukunft sichern: Förderwege, Projekte, Perspektiven“ stand, bot Sportvereinen ein einmaliges Forum: Der Sportkreis und das Referat Sportinfrastruktur des Landessportbunds Hessen hatten Fachleute der drei LEADER-Regionen des Kreises, des Programms Starkes Dorf+, der Landesehrenamtsagentur Hessen sowie der Regionalentwicklung des Landkreises eingeladen.
Die Ziele: Vereine praxisnah über Fördermöglichkeiten zu informieren und sie zu ermuntern, „als zentrale Akteure der Dorfentwicklung“ ruhig auch mal „groß zu denken“ und mit kompetenten Partnern zusammenzuarbeiten. Im Idealfall sollen schließlich „nachhaltige Projekte der Daseinsvorsorge“ umgesetzt werden. Dahinter steht die Idee, dass Sportstätten im ländlichen Raum mehr als nur Orte für Training und Wettkämpfe sind. Sie seien statt dessen „zentrale Treffpunkte für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“.
Die aktuelle Situation bei den Sportanlagen auf dem Land ist widersprüchlich, wie Jens Prüller, Leiter des LSBH-Geschäftsbereichs Infrastruktur, in einem Impulsreferat erläuterte. Einerseits gibt es ein quantitativ gutes Angebot an Sporthallen und -flächen. Andererseits leiden viele Anlagen unter einem Sanierungsstau. Besonders betroffen sind die Hallen, die oft nicht mehr den aktuellen Normen entsprechen. Gleichzeitig verändert sich die Nachfrage: Während traditionelle Sportarten wie Fußball oder Schießen überversorgt sind, steigt der Bedarf an ganzjährig nutzbaren Plätzen, Fitnessangeboten und bewegungsfreundlichen Räumen. Defizite gibt es laut Prüller auch bei bewegungsfreundlichen Schulhöfen.
Ein weiteres Problem ist die demografische Entwicklung: Ländliche Regionen kämpfen eher mit Abwanderung und Überalterung, die Bevölkerungszahl sinkt. Das betrifft direkt viele Sportvereine: Mittelfristig könnten ihre Mitgliederzahlen zurückgehen; sie haben es schwerer, Ehrenamtliche zu gewinnen; ihre Kommune kann aufgrund knapper Haushaltsmittel weniger in Sportstätten investieren. Auch die wachsende Digitalisierung kann ländlichen Clubs bei fehlender Kompetenz zusetzen.
Aus seinen Thesen zur „Ist-Situation“ der Sportstätten im ländlichen Raum leitete Prüller eine ganze Reihe von Vorschlägen ab. So sollten etwa „große“ Anlagen nur noch an zentralen Standorten gebaut werden. „Nicht jeder Verein braucht eine eigene Anlage.“ Schulhöfe sollten attraktiv gestaltet und nutzbar gemacht werden. Statt Sportstättenplanung empfahl er „Bewegungsraumplanung“ - unabdingbar dabei: vorhergehende Bedarfsanalysen. Zentral ist für Prüller zudem die „Offenheit für Kooperation und Kommunikation“, die Bereitschaft der Vereine, sich mit Fachleuten, anderen Vereinen, den Kommunen zu vernetzen.
Die beteiligten Institutionen formulierten ebenfalls einen Dreiklang aus Förderung, Kooperation und klugen, zukunftsweisenden Konzepten. Allen gemeinsam ist: Sie unterstützen keine vereinsinternen Projekte wie etwa die Sanierung von Umkleiden. Sportvereine könnten bei Vorhaben profitieren, die der „gesamten Dorfgemeinschaft zugute kommen“, schrieb Claudia Hefner, kommissarische Referatsleiterin des Förderprogramms „Starkes Dorf+“ der Hessischen Staatskanzlei, in ihrer Präsentation.
Auf Gelder aus diesem Programm könnten Vereine rechnen, wenn sie öffentlich zugängliche Sport- und Bewegungsorte gestalten oder Materialien und Sportgeräten anschaffen, die alle im Dorf nutzen können. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Sportverein beantragte Mittel für eine LED-Flutlichtanlage und Sitzmöglichkeiten auf seinem Gelände. Ziel war es, die Nutzungszeiten zu verlängern und einen Treffpunkt für die gesamte Dorfgemeinschaft zu schaffen – unabhängig von Vereinsmitgliedschaften.
Wie beim „Starken Dorf“ sind auch bei der LEADER-Förderung Sportvereine nicht die erste Adresse, aber sie können mit guten Ideen profitieren. Ein „gutes LEADER-Projekt“ im Sport bietet laut Stefanie Koch vom Regionalmanagement Diemelsee-Nordwaldec etwa eine bessere Kooperation zwischen den Vereinen, erweitert Angebote für verschiedene Zielgruppen oder fördert die touristische Entwicklung.
Beispiele für geförderte regionale Sportprojekte „mit Mehrwert“ gibt es etliche: Kleinspielfelder und Fitnessparks in Willingen und Eimelrod zum Beispiel eine „Eventarena“ für die Dorfgemeinschaft in Rhoden oder Abenteuer- und Outdoor-Sportanlagen in Bad Wildungen.
Der Fachdienst Ländlicher Raum des Landkreises unterstützt ebenfalls Projekte, die der Entwicklung des ganzen Dorfes dienen. Das können Treffpunkte zum Spielen, Sitzen und Reden sein, das können Sport- und Spielflächen für alle Generationen sein. Als Beispiel verwies Ansprechpartnerin Ute Schultz auf den Mehrgenerationenspielplatz im Battenberger Ortsteil Frohnhausen. Bei derartigen Projekten empfiehlt sich allerdings eine kommunale Trägerschaft, da Städte und Gemeinden mit bis 80 Prozent gefördert werden, nicht-kommunale Träger nur bis 50 Prozent.
Der Sport kann außerdem von einer Unterstützung für bürgerschaftliches Engagement profitieren. Denkbar wäre etwa, Mittel für die Anschaffung von Veranstaltungstechnik zu beantragen, wenn diese dem ganzen Dorf zugutekommt.
Vor allem nicht-materieller Förderung verschreibt sich die Landesehrenamtsagentur Hessen (LEAH). Geschäftsführerin Claudia Spruch stellte eine ganze Palette von Förderungen vor. Die Agentur bildet zum Beispiel mit einem Engagement-Lotsen-Programm Ansprechpartner für bürgerschaftliches Engagement aus, sie schult Vereinsverantwortliche im Freiwilligenmanagement oder unterstützt Projekte zur Gewinnung und Anerkennung von Ehrenamtlichen, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Zusammenfassend empfiehlt die Runde Vereinen und Kommunen, nicht ohne Analysen von Ist-Zustand und Bedarf größere Investitionen in Angriff zu nehmen, dabei mit allen entscheidenden Akteuren zu kooperieren. Um Gelder einzuwerben, müssen offene Sportstätten für alle geschaffen werden. Da die Mittel jeweils begrenzt sind, sollten Förderanträge frühzeitig gestellt werden.
Ein zwiespältiges Fazit des Workshops zog Kerstin Mühlhausen, die stellvertretende Vorsitzende des Sportkreises Waldeck-Frankenberg „Die Hauptamtlichen haben super Auskunft gegeben und verschiedene Förderungen vorgestellt. Das war wirklich interessant“, sagte sie. Auf der anderen Seite blieb die Beteiligung durch die Vereine hinter den Erwartungen zurück. „Für die Qualität der Veranstaltung war das schade. Dabei wissen viele nicht, wo und wie sie Fördermittel beantragen oder an wen sie sich wenden können.“
Der nächste Schritt ist bereits geplant. Nun soll eine Projektideenwerkstatt folgen, wie Marc Mercurio, Referent SportLÄR beim Landessportbund Hessen, ankündugte. Dabei wolle man „gemeinsam konkrete Vorhaben weiterdenken und in Richtung Umsetzung bringen“.






