Expertenrunde zu Extremismusprävention im Verein "Unbedingt die eigenen Werte klären"
Damit die Vereine antidemokratischen Bestrebungen besser vorbeugend begegnen können, hatte der Sportkreis Waldeck-Frankenberg gemeinsam mit dem Netzwerk Toleranz des Landkreises zu einer Expertenrunde zum Thema „Extremismusprävention im Verein“ eingeladen. „Wir brauchen Aufklärung und Handlungsempfehlungen“, sagte die zweite Sportkreis-Vorsitzende Kerstin Mühlhausen zur Begrüßung im Vereinsheim des TSV Korbach.Und: „Wir leben in einer Demokratie, und die wollen wir uns erhalten.“
Die wichtigste Empfehlung formulierten Angelika Ribler, Referatsleiterin Jugend- und Sportpolitik bei der Sportjugend Hessen (sie war per Webcam zugeschaltet), und Christopher Vogel vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechtsextremismus aus Kassel in der Runde mit etwa 20 Personen so: unbedingt die eigenen Werte klären, sie unmissverständlich in der Satzung verankern und in alle Sparten, zu allen Übungsleiterinnen und Trainern sowie den Aktiven und Passiven kommunizieren. Die Leitplanken des Vereins müssten für alle jederzeit klar und sichtbar sein, sagte Ribler. Um antidemokratischen Tendenzen vorzubeugen. Noch sei in Hessen und im Landkreis Zeit dafür, „in ostdeutschen Vereinen ist das bereits anders“.
Riblers Hinweis verdeutlicht, dass vor allem Extremismus von rechts die Klubs herausfordert. Zwar hatte Kerstin Mühlhausen zu Beginn betont, dass es zunächst gleichgültig sei, ob Extremismus von rechts, links oder aus dem Islamismus komme. „Wir wollen keine Propaganda, nicht auf unseren Sportplätzen, nicht im Training oder gar auf dem Nachhauseweg“, sagte sie. Relevant ist in Waldeck-Frankenberg aber praktisch nur der Rechtsextremismus. Moderator Markus Potthof (langjähriger Landesjugendfeuerwehrwart) zitierte dazu aus der Kriminalstatistik 2024 für Waldeck-Frankenberg, nach der bei der politisch motivierten Kriminalität die Delikte aus dem Bereich des Rechtsextremismus den mit Abstand größten Anteil ausmachten. Christopher Vogel bestätigte diese Feststellung mit den Erfahrungen aus seiner Arbeit.
Man könne nicht sagen, dass der Sport anfälliger sei für antidemokratisches Verhalten als andere gesellschaftliche Bereiche, betonte Angelika Ribler. Die Bedrohung entspricht eher der für die Gesellschaft insgesamt: „Wenn wir etwa 20 Prozent AfD-Wähler haben, dann haben wir auch 20 Prozent in der Kabine“, sagte Vogel als Beispiel.
Wie konkret mit Sympathisanten oder Mitgliedern extremistischer Parteien umgehen, wie es etwa die AfD laut Verfassungsschutz in Teilen ist? Sie ausschließen? Oder reicht es, politische Äußerungen in den Gesprächskanälen des Vereins zu untersagen? In der Runde gingen die Meinung dazu auseinander. Ribler sagte, eine Mitgliedschaft allein sei kein Ausschlussgrund, bei einer Tätigkeit als Parteifunktionär sehe sie das jedoch anders.
„Wir müssen unterschiedliche Meinungen und Haltungen aushalten“, betonte Vogel. Beide stellten jedoch klar, dass es für Agitation oder rassistische Bemerkungen keine Toleranz geben darf. Bei Verfehlungen der Mitglieder – sei es beim Training, auf dem Platz oder am Rande einer Veranstaltung – müssten die Vereinsvorstände „direkt und engagiert eingreifen“. Hilfreich sei eine vorbereitende Auseinandersetzung mit den Werten und der Haltung des Vereins.
Die Sportjugend Hessen bietet kostenlose Workshops an, bei denen Vereine ein Werteleitbild erstellen und ihre Werte auf der Basis unseres Grundgesetzes in der Satzung verankern können. Das ist unabdingbare Voraussetzung, damit ein Ausschlussverfahren gegen Extremisten vor Gericht bestehen kann. Der Fall eines Vereinsmitglieds, der im privaten Umfeld rechtsextremen Aktivitäten nachgegangen war und dann ausgeschlossen werden sollte, hatte Ende 2024 in Waldeck-Frankenberg für Aufsehen gesorgt.
Da ein Ausschluss jedoch das schärfste Schwert gegen ein Mitglied ist, sollten Vereine bei antidemokratischem und vereinsschädigendem Verhalten, das nicht extremistisch ist, auch mildere Sanktionen in ihre Satzungen aufnehmen, um handlungssicher und verhältnismäßig bei Verfehlungen agieren zu können, betonte Ribler.
Eine besondere Herausforderung stellt es dar, den Nachwuchs vor Extremismus zu schützen. Da gehörten die Schulen mit ins Boot, sagte Sportkreis-Vize Mühlhausen: „Das ist nicht nur Aufgabe der Sportvereine.“ Aber eben deren auch. Sportjugend-Referentin Ribler empfahl, Kinder und Jugendliche an der Aufstellung von Regeln zu beteiligen. Kinder als „vulnerable Gruppe“ seien durch einen Verhaltenskodex zu schützen. Auch Vogel riet zur Beteiligung von Jugendlichen, um deren Selbstwirksamkeit zu stärken, und ihnen Verantwortung zu übertragen. Die Vereine könnten als Anbieter von Gemeinschaft dabei selbstbewusst auftreten. Ein wichtiger Aspekt: Unterstützung für Trainer und Übungsleiterinnen - Kerstin Mühlhausen kündigte für diese Gruppe eine Schulung durch den Sportkreis an.
Einigermaßen einig war sich die Runde, dass vor allem die Publikumssportarten – allen voran der Fußball – potenziell eher eine Bühne für Extremismus, Intoleranz oder Ausländerfeindlichkeit abgeben als Sportarten, bei denen die Aktiven mehr oder weniger unter sich sind. Umgekehrt habe aber gerade der Fußball viel bei der Integration von geflüchteten Menschen geleistet.
Nicht zuletzt kam der mögliche schädliche Einfluss des „großen Sports“ zur Sprache. Christopher Vogel machte dies am Beispiel von Gianni Infantino deutlich. Der Fifa-Präsident hatte einen eigens geschaffenen Friedenspreis an US-Präsident Donald Trump überreicht. „Das torpediert massiv den Respekt“, sagte er.
Vogel gab zum Abschluss der rund zweistündigen Veranstaltung (sie war kostenfrei, weil durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und das Landesprogramms „Hessen aktiv für Demokratie, gegen Extremismus“ gefördert) allen Beteiligten einen Wunsch mit auf den Weg. Das beste Mittel gegen die tägliche Weltuntergangsstimmung und den allgemeinen Rechtsruck: „Versucht die gute Laune zu behalten, verliert den Spaß nicht.“






