80 Jahre LSBH 80 Jahre bewegtes Hessen

Der Landessportbund Hessen und das Bundesland Hessen feiern in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag. Kein wirklich rundes Jubiläum, aber dennoch eine gute Gelegenheit, sich damit näher zu beschäftigen, ohne dabei 80 Jahre hessischen Sport nachzuerzählen. Denn bereits zu den Jubiläen 2016 und 2021 hat „Sport in Hessen“ die Geschichte des Landessportbundes  ausführlich in den Blick genommen und dargestellt.

Die Erfahrung aus diesen Jahren zeigt: die Aufgaben des Landessportbundes und die Sportvereinswelt in Hessen sind so vielfältig und weitgehend, dass der Platz hier nicht ausreicht, sie alle entsprechend zu würdigen. Demzufolge beschränkt sich dieser Übersichtsartikel auf „Meilensteine“ und die großen Linien. Tiefer beleuchten wollen wir die Themen Ausbildung (Seite 8), Inte­gration und Vielfalt (Seite 10) und die veränderten 
Herausforderungen, denen sich die Vereine in den vergangenen 80 Jahren stellen mussten (Seite 9).  
Zunächst aber geht der Blick zurück, in die Gründungszeit des Landessportbundes, der sich 1946 noch den Namen „Landessportverband Hessen“ gab. Zu diesem Zeitpunkt war die Bilanz des Krieges noch allgegenwärtig: Zerstörte Innenstädte, abgebrannte oder umfunktionierte Turnhallen, dezimierte Vereine und eine orientierungslose Jugend.

Kooperation statt Bevormundung

In dieser Phase trafen zwei Visionen aufeinander: Die neu formierte hessische Landesregierung sah im Sport ein Instrument zur demokratischen Erziehung, während die damaligen Sportfunktionäre die Autonomie des organisierten Sports sichern wollten. 
Die frühere Aufsplitterung in „bürgerlichen“ Sport, Arbeitersport und konfessionsgebundenen Sport sollte überwunden werden. Gleichzeitig sollte der Sport unabhängig  von staatlicher Einflußnahme  bleiben und autonom agieren dürfen. Es war der Beginn eines Weges, der auf Kooperation statt auf staatlicher Bevormundung setzte. 

Lotto-Erlöse als Fundament der Förderung

Schon zur Gründung des Landessportverbandes wurde klar, dass dies nicht ohne die materielle Unterstützung des Landes möglich war. Ein entscheidender Wendepunkt war 1949 die Kopplung der Sportförderung an die Erlöse von LOTTO Hessen. Denn seit der Gründung der Sportwetten GmbH fließt ein signifikanter Teil der Wetteinsätze von LOTTO Hessen direkt zurück in den gemeinnützigen Sport.
Waren dies 1950 noch eine Million DM, stieg der Betrag bis 1970 (Goldener Plan) auf über 25 Millionen DM. 50 Jahre später erhält der organisierte Sport weit mehr, aktuell gehen aus den Erlösen von LOTTO-Hessen rund 28 Millionen Euro jährlich an den organisierten Sport.
Diese „Lotto-Millionen“ ermöglichen es, Förderprogramme aufzulegen, die weit über den reinen Substanzerhalt hinausgehen. Gleichzeitig wird damit der Landessportbund, der die Mittel unter anderem über seinen Vereinsförderungsfonds an die Vereine weitergibt in das Fördersystem eingebunden. Ein Modell, das unter den Bundesländern als beispielhaft gilt.

Sport ist kein Bittsteller

Angesichts der bewegten Summen wird deutlich: Der Sport war und ist kein reiner Bittsteller, denn allen Hessischen Landesregierungen seit 1946 war bewusst, welche herausragende Rolle der Vereinssport in der Gesellschaft einimmt. Schließlich galt es in den Gründertagen nicht nur, neue demokratische Strukturen zu schaffen, sondern auch Millionen von Vertriebenen und geflohenen Menschen, Kriegsheimkehrer und Kriegsversehrte wieder in die Gesellschaft zu integrieren. 
Die erste große Aufgabe stand unmittelbar bevor: Über 700.000 Heimatvertriebene mussten in die Gesellschaft eingegliedert werden. Es waren die Sportvereine, die als erste „Willkommensinstanz“ fungierten. Dort zählte nicht die Herkunft, sondern der Einsatz auf dem Platz. Diese Leistung bildet die historische Wurzel des Engagements des Landessportbundes für Integration. 
In den 1970er-Jahren waren Sportvereine die ersten, die sich mit der Integration der „Gastarbeiter“ beschäftigten, später kamen Initiativen für „Spätaussiedler“ aus der damaligen UdSSR hinzu, 2015 lag der Schwerpunkt der Sport-Coaches auf der Integration von Geflüchteten und heute gibt es umfangreiche Programme rund um die Themen  Vielfalt, Inklusion und Teilhabe. 

Sportstättenbau

Wer Sport treiben will, der braucht Sportstätten. Während die ersten Nachkriegsjahre davon bestimmt waren, den organisierten Sportbetrieb wieder aufzunehmen sowie Sportplätze und Turnhallen wieder in Betrieb zu nehmen, stand der Sport in den 1960er-Jahren vor einer gewaltigen Aufgabe: Der Sport boomte, Sportveranstaltungen, ganz gleich ob Motorradrennen, Pferdesport oder Skispringen, zogen tausende Zuschauer an. Aber nicht nur das Zuschauen wurde immer populärer, sondern die Menschen wurden aktiver, wollten sich bewegen und trieben immer mehr Sport.

 „Trimm Dich durch Sport“ als Motor

Die Bewerbung um die Olympischen Spiele von 1972 und die „Erfindung“ des Breitensports durch die 1970 gestarteten Kampagne „Trimm Dich durch Sport“ weckten eine riesige Nachfrage nach Sport und den entsprechenden Sportstätten. Das Land Hessen hat mit dem Sondervermögen und den darin verankerten 130 Millionen Euro für den Sport allerdings ein beachtliches Signal gesendet. Jetzt sind die Kommunen als größte Sportförderer und Betreiber von Sportstätten gefragt. Ihnen hat das Land  darüberhinaus 4,7 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen bereitgestellt. Geld, das die Kommunen auch für den Sport verwenden dürfen. 

Nachhaltigkeit und Klimaschutz mitdenken

Dabei stehen nicht nur marode Turnhallen und Schwimmbäder auf der Sanierungsliste. Das Thema Energieeffizienz und Klimaschutz drängt weiterhin zu Schritten hin zu klimafreundlichen Sportstätten und Vereinsheimen.  Was in den 1960ern der Neubau von Hallen und Schwimmbädern war, ist heute die Öko-Check-Beratung durch den LSBH, die Photovoltaikanlage auf dem Hallendach, das LED-Flutlicht am Sportplatz oder die barrierefreie Umgestaltung der Sportstätte.

Vom Vorturner zum Bildungsdienstleister

Von Anfang an war die Ausbildung von Übungsleitenden ein der Kernthema des Landessportbundes. Von den Anfängen in den Ruinen des Frankfurter Waldstadions, über den Bau der Sportschule in der Otto-Fleck-Schneise 1958, bis zur Gründung der Bildungaakademie entwickelte sich der LSBH vom reinen Verwalter zum modernen Bildungsdienstleister. Mit der Etablierung standardisierter Lizenzsysteme wurde der LSBH zu einem der größten Bildungsträger Hessens. 
Heute geht es in der Ausbildung nicht mehr nur um Trainingslehre. Gesundheitssport, Fitness und Profilerweiterungen, wie etwas Sport für ältere Menschen, gehören inzwischen ebenfalls dazu. Die Kooperation mit der Landesregierung umfasst komplexe Themen wie die Prävention sexualisierter Gewalt, Kindeswohl und die Integration durch Sport. Der Sportverein von heute ist ein Bildungsraum, in dem ehrenamtliche Vorstände wie Manager agieren müssen – geschult und unterstützt durch die Expertise des LSBH.

Leistungssport

Ein weiterer Bereich, in dem die gute Zusammenarbeit zwischen der Hessischen Landesregierung und dem Landessportbund in den vergangenen 80 Jahren deutlich wird, ist der Leistungssport.  Dass die Sportförderung in Hessen weit mehr im Blick hat als Ergebnisse und Medaillen, kennzeichnet den „Hessischen Weg“. Es wird auch auf die Karriere nach der Karriere geschaut, und die Betreung zielt auf weit mehr ab als auf die reine Leistungsfähigkeit der Sportler*innen.  Und dennoch oder gerade deshalb kann sich die sportliche Bilanz der hessischen Leistungssportförderung sehen lassen. Hierzu zählen neben dem Landesprogramm „Talentsuche – Talentförderung“ beispielsweise die Förderung der Talentstützpunkte (TSP) und die Nachwuchsarbeit in den Fachverbänden. 

Olympiastützpunkt Hessen

Eine wichtige Rolle in der Leistungssportförderung spielt das Training am und die Unterstützung der Sportler*innen durch den Olympiastützpunkt (OSP) Hessen im Landessportbund. Der betreut die Sportler*innen nicht nur trainingswissenschaftlich, sondern unterstützt sie im Rahmen der „Dualen Karriere“ auch jenseits des Sports. Mit den Sportfördergruppen der hessischen Polizei und der  hessischen Verwaltung gibt es zwei wichtige Instrumente, die es den Sportler*innen ermöglichen, Sport und Beruf in Einklang zu bringen. 
Seit 1992 ist der OSP Hessen in Trägerschaft des LSBH.  Zum erweiterten Angebot zählt die Wohnmöglichkeit im Sportinternat und der Besuch der Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt, einer „Eliteschule des Sports“.
Ein weiterer Eckpfeiler der Leistungssportförderung in Hessen ist die Sportstiftung Hessen, die 2001 unter dem damaligen Namen „Stiftung Sporthilfe Hessen“ gegründet wurde. Unterstützt wurden damals zunächst ein rundes Dutzend Sportlerinnen und Sportler. Die Namen Ariane Friedrich, Betty Heidler, Fabian Hambüchen oder Timo Boll sprechen für sich. Inzwischen fördert die Sportstiftung zahlreiche hessische Athlet*innen auf dem Weg zu Erfolgen, Titeln und Medaillen, wie zuletzt die erfolgreichen hessischen Teilnehmer*
innen an den Olympischen Winterspielen 2026.

Sportentwicklung: Zukunft gestalten

80 Jahre Landessportbund Hessen stehen auch für sich ständig ändernde Anforderungen an den Sport. Stand am Anfang noch der Aufbau neuer Strukturen und des Wettkampfbetriebs bei Vereinen und Verbänden im Vordergrund, entstanden schon wenige Jahre später Sportgruppen und Abteilungen, die ihren Sport nur aus Freude betrieben. Der „zweite Weg“ entstand und Breitensport wurde für Vereine und Verbände immer wichtiger. 
Der entwickelte vor allem in den 1970er- und 80er-Jahren eine neue Dynamik. Neue Sportarten und Sportgeräte kamen auf den Markt, die erste Fitness-Welle rollte an, Trimm dich-Pfade und Lauftreff-Gruppen entstanden in fast allen Orten. 
In den Jahrzehnten danach sorgte ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein vieler Menschen und der demografische Wandel dafür, dass Gesundheitssport immer mehr in den Vordergrund gerückt ist. Der LSBH hat schon früh auf diese Entwicklung reagiert und engagiert sich auf diesem Feld seit Langem. 
Dabei unterstützt er zum einen durch seine Aus- und Fortbildungen, zum anderen engagiert er sich in Zusammenarbeit mit dem Hessischen  Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege für mehr Bewegung, wie dem Alltags-Fitness-Test oder Initiativen wie „Sport im Park“. 
„Sport im Park“ ist ein gutes Beispiel dafür, den Sport-raum neu zu denken. Der öffentliche Raum wird zur Arena: Calisthenics-Anlagen, beleuchtete Laufstrecken in Parks und die barrierefreie Umgestaltung von Stadtvierteln sind zentrale Themen. Der LSBH berät Kommunen und Vereine dabei, wie sie attraktive Angebote für eine immer älter werdende, aber auch mobiler werdende Bevölkerung schaffen können. Dabei spielt die Verknüpfung von Sport mit Gesundheitsprävention und Stadtplanung eine Schlüsselrolle.

 80 Jahre – und kein bisschen müde

Die Bilanz nach acht Jahrzehnten ist eindeutig: Die Partnerschaft zwischen dem Land Hessen und dem LSBH ist ein Erfolgsmodell. Die Landesregierung liefert den finanziellen und gesetzlichen Rahmen, während der LSBH mit seinen Vereinen das soziale Leben vor Ort organisiert. Vom „Goldenen Plan“ bis zum Klimaschutz, vom Turnvater zum zertifizierten Coach und vom Auffangbecken für Flüchtlinge zum Motor der Vielfalt: Der Sport in Hessen hat sich immer wieder neu erfunden. Auch im 80. Jahr bleibt die Erkenntnis: Ein starkes Hessen braucht einen starken, organisierten Sport. Die Reise geht weiter – digitaler, nachhaltiger, aber im Kern so gemeinschaftlich wie am ersten Tag im Jahr 1946.
 

Markus Wimmer


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